
Flow
Gewitter
Ich sitze im Zug Richtung Tübingen, habe den Kopf an die Scheibe gelehnt, schaue aus dem Fenster. Die graugrünen Schlieren aus Häusern und Feldern ziehen am Fenster vorbei und ich kann ein Gähnen nicht unterdrücken.
Mein Blick schweift ab, steigt zum Himmel. Große graue Wolken haben sich angesammelt - etwas schweres liegt in der Luft. Den ganzen Tag hat das Wetter schon geschwankt, zwischen Sonne und Wolken gewechselt, als sei es unentschlossen ob es sich noch einen Sommertag jetzt, Mitte April, leisten kann. Wie ich mir den Horizont so ansehe, kriege ich das Gefühl, dass der Regen, der schon den ganzen Tag in der Luft liegt, kurz bevor steht. Dunkel ist es, die Sonne kaum mehr zu sehen.
Mein auf Zufallswiedergabe eingestelltes Handy spendiert meinen Ohren ein neues Lied. Ich liebe es mir von der Zufallswiedergabe Musik auswählen zu lassen. Hat was von Schicksal. Es läuft Vorabend der Schlacht von Eisregen. Das Lied beginnt mit dem plätschern von Regen. Ich grinse. Volltreffer!
Die Sonne verglüht am Firmament Vielleicht das letzte Mal, dass ich dies sehe Es ist kühl hier draußen bei den Eichen Der Abendwind trocknet meine nasse Haut.
Mein Blick wandert über die Felder Ein Bild des Friedens zeigt sich mir.
Man kann über Eisregen streiten. Manchmal gefallen sie mir. Jetzt, zum Beispiel.
Der Zug fährt in den Bahnhof ein. Erste nasse Streifen sind am Fenster zu sehen. Jetzt fängt es also doch noch an zu regnen. Bloß schnell nach Hause. Die Tür geht auf, alles hetzt aus dem Zug, auf die Unterführung zu. Rein in den Tunnel, eilig Richtung Ausgang. Nur noch schnell die Stufen hoch, dann zum Fahrrad und dann - Shit.
Ein greller Blitz durchzuckt den Himmel, gefolgt von einem krachenden Donnerschlag. Fast augenblicklich fängt es an zu regnen, zu hageln. Fingerdicke Tropfen fallen da vom Himmel, nass und eiskalt. Brr. Schnell zurück unters Vordach. Da stehen wir jetzt, eine ältere Frau mit Einkaufstasche, ein Mann mit dunkler Haut und ich. Wir schauen uns an, lächeln und denken vermutlich das gleiche: "Verdammt, das hätte auch noch ein paar Minuten warten können."
Der Regen ist so ordentlich, dass man ihn besser meidet. Plötzlich habe ich Zeit. Lieber spät als nass. Das denken wohl auch andere Bahnhofsbesucher. Als abzusehen ist, dass das Gewitter das da in bester Laune über unseren Köpfen tobt es in keinster Weise eilig hat, verlangsamt sich das Leben auf dem Bahnhof spürbar. Wo eben noch Trubel, Gedränge und Hektik geherrscht hat, stehen die Leute jetzt unter den Dächern, schauen zum Himmel und haben jede Menge Zeit. Interessant einen so quirligen Ort mal frei vom Diktat der Uhr zu sehen.
So eine Sintflut ist eben eine höhere Gewalt, dafür kann man schon mal warten. Und während ich in den grauen Gewitterhimmel starre, denke ich mir: Vielleicht sollte es so ein Gewitter öfters geben.


helpful post.
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